Wissenschaftler erklären:

Wie uns die Wiesn den Kopf verdreht

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Die Wiesn verdreht uns den Kopf - dafür gibt es auch wissenschaftliche Gründe.

München - Das Oktoberfest übt eine unglaubliche Magie auf uns aus. Auf der Wiesn machen wir Sachen, die wir sonst nie tun würden. Warum wir das tun, erklären hier zum großen Feier-Finale mehrere Wissenschaftler.

Auf der Wiesn verbrüdert sich der Chef mit dem Arbeiter, Alt und Jung grölen banale Lieder, saufen sich die Enge mit literweise Bier schön, stehen Ängste in der Achterbahn aus, essen Schweinswürstl, Zuckerwatte und Mandeln wild durcheinander.

Das Oktoberfest – Masse, Rausch und Ritual – die Münchner Psychologin Brigitte Veiz hat die Magie der Wiesn in einem Buch analysiert und kommt zu dem Schluss: „Die Wiesn ist ein orgiastischer Riesen-Rausch, der unsere Triebe befriedigt.“ Auf der Wiesn können wir wieder Kind sein, mit den Fingern essen, laut grölen, uns daneben benehmen, fremde Menschen begrapschen. „Der Gast gibt seine Individualität am Eingang ab und löst sich in der Masse auf“, sagt Veiz. Das Bemerkenswerte: Andere Volksfeste verdrehen uns lange nicht so den Kopf. „Die Wiesn ist typisch für Oberbayern mit seiner Tracht und den Traditionen“, sagt Veiz.

So haben Sie die Wiesn noch nie gesehen

Hinter den Kulissen der Wiesn
Puh, ist das hier eng! Lisa S. (30, v. li.), Michaele P. (27), Franziska S. (20) und Victoria E. (24) kommen beim Anprobieren ihrer Arbeits-Dirndl ins Schwitzen. © Westermann
Vor der Tür warten 177 andere Männer und Frauen, die in den kommenden zwei Wochen im Hippodrom als Bedienung arbeiten. © Westermann
Hier läuft das Prozedere so: Ein Dirndl kaufen die Mädls ihrem Arbeitgeber ab, eines leihen sie sich. Den Geldbeutel bringt das Personal selbst mit, Seidentücher und eine Tasche stellt Wirt Sepp Krätz. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Abwasser marsch! Der Kanal unter der Theresienwiese ist mannshoch – Platz genug für 6 Millionen Liter Bier © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Pro Zelt führen im Schnitt drei Abwasserleitungen hinab in den Kanal, der bereits seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts direkt unter der Wirtsbudenstraße durchläuft. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Fahrer Sigi Hof pumpt das Wiesn-Bier mit Hochdruck vom Laster in die Zelte. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Er hatte alle Hände voll zu tun, um die 15 Tanks im Löwenbräu- und die zehn Tanks im Schützenfestzelt zu befüllen. In einen Tank passen 5000 Liter, das Befüllen dauert pro Tank eine halbe Stunde. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Für den Blumenschmuck an den Wagen und Kutschen von Spaten und Löwenbräu ist Chefgärtner Rudolf Lampertsdörfer verantwortlich. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Hier werden die Wagen geschmückt, Kränze gebunden und mit kilometerlangem Draht an den Kutschen befestigt. Da wird jede Hand gebraucht – sogar Brauerei-Azubi Anne Böhm hilft mit. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Die Wirtefamilie Haberl hat ihr Stüberl in der Ochsenbraterei im Stil einer bayerischen Almhütte eingerichtet. Hermann Haberl übt für seinen Trompeten-Auftritt. Mit Guter Mond bläst er der Wiesn jedes Jahr das Licht aus. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
In seinem Ruheraum genehmigt sich Hermann Haberl eine künstlerische Pause. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Zu Gast im Büro der Wiesnchefin Gabriele Weishäupl. Manchmal muss sie etwas lauter werden... © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Das Büro der Wiesnchefin. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Die Augustiner-Brauerei ist die einzige, die auf der Wiesn noch aus Holzfässern ausschenkt. Hinter jeder der vier Schänken ist eine Kühlzelle, in der 50 bis 60 200-Liter-Hirschen bei maximal 2 Grad lagern. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Bei den lebendigen Geistern muss erst mal dick Schminke aufgetragen werden. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Die neue Wolpertinger-Bar im Armbrustschützenzelt. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Aus dem Weg! Die gelbe Banane oder Fahrtrage, wie sie offiziell heißt, kennt jeder Wiesn-Besucher. Über 1800 Mal raste sie vergangene Wiesn zur Zentrale des Roten Kreuzes. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Von innen jedoch haben die meisten Gäste die Trage mit der gelben Plane zum Glück noch nicht gesehen. Das kleine Guckfenster öffnen die Sanitäter nur, wenn sie mit den betrunkenen oder verletzten Patienten sprechen oder sie beobachten müssen. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
In der BRK-Wiesn-Zentrale stehen zehn der gelben Bananen, die in der Regel von vier Männern durch das Getümmel gefahren wird. Während der zwei Wochen arbeiten hier über 1500 ehrenamtliche Helfer, die meisten nur für einen Tag. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Das Weinzelt ist gerüstet: Im Wein- und Champagnerlager warten hunderte Flaschen darauf, geköpft zu werden – und täglich wird nachgeliefert. Ab heute schultern die Kellner wieder XXL-Flaschen – Weinzelt-Wirt Roland Kuffler hebt schon mal ein 9-Liter-Examplar Probe. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Die Sattlerei von Spaten-Löwenbräu ist eine Schatzkammer. Geschirre für 56 Pferde lagern hier – jeder Riemen ist handgenäht, jeder Beschlag in reiner Handarbeit gefertigt. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Sattler Wolfgang Zengerle hat die letzten Tage Geschirre für 33 Pferde gefettet und auf Hochglanz poliert. Das neueste Geschirr hat die Brauerei in den 80er-Jahren gekauft. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Wiggerl Hagn beim „Probe-Grillen“. Der Wirt vom Löwenbräuzelt hat sich in einen Hendlgrill gequetscht. Wo er reinpasst, haben auch 49 Hendl Platz. Auf der Rückseite gehen noch mal 49 hinein. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Wo erholt sich ein Wiesn-Polizeibeamter von Taschendieben, Betrunkenen und Schlägereien? Im eigenen Biergarten! Im Innenhof des Behördenhofs hat die Wiesn-Wache ein eigenes lauschiges Plätzchen. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Vergangenes Jahr durchliefen 669 Personen die drei Einzelzellen und die über 20 Quadratmeter große Sammelzelle, die bis zu 15 Personen fasst. © Westermann
Hinter den Kulissen der Wiesn
Darin wartet eine Holzliege, teils mit Matratze, und eine einfache Toilette. Nach spätestens zwei Stunden Aufenthalt kommen die Gefangenen ins Präsidium in die Ettstraße. © Westermann

Grundsätzlich gelte: In katholisch geprägten Regionen feiern die Menschen ausgelassener, weil ihnen die Sünden bei der Beichte vergeben werden. Ein Protestant aus Franken muss sich da mehr am Riemen reißen. Die tz wollte es ganz genau wissen und hat Psychologin Veiz und weitere Gehirn- und Verhaltensexperten gefragt: Warum verdreht uns die Wiesn derart den Kopf? Was ist an der Mischung aus Achterbahn, Zuckerwatte, Dirndl und Bier so magisch?

Simone Herzner, Nina Bautz

Geselligkeit

Mitsingen löst die Anspannung.

Die Atmosphäre im Zelt, die Enge, die Hitze, der Geruch – all das ist schwer zu ertragen, zumindest nüchtern. Warum begeben wir uns in so einen Hexenkessel? „Im Zelt wird wie bei vielen Massenveranstaltungen, etwa bei Konzerten oder Fußballspielen, ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt“, erklärt Prof. Behrend vom Münchner Zentrum für Neurowissenschaften. „Wir werden Teil eines großen Stammes.“ Nur, dass die Stämme auf der Wiesn eben Schottenhamel oder Himmel der Bayern heißen …

„In den Zelten darf man wieder Kind sein, kollektiv mit der Menschenmasse Blödsinn machen“, sagt Psychologin Brigitte Veiz. Und man kann ohne aufzufallen grölen und schreien – das löst stressbedingte Anspannungen. Auch für das Phänomen, dass auf der Wiesn alle auf den Bänken tanzen, gibt es eine Erklärung: „Wir Menschen besteigen ja auch gern Berge“, sagt Psychologe Ralph Schicha. „Sobald der Mensch Überblick über etwas bekommt, fühlt er sich größer, die Probleme erscheinen kleiner.“

Psychologin Veiz: „Es gibt Filmaufnahmen aus den 70er-Jahren, da standen die Menschen noch nicht auf den Bänken, da wurde nur geschunkelt. Das ausgelassene, wilde Feiern ist auch ein Ventil für den ständig wachsenden Druck im Alltag.“ Der kollektive Taumel auf der Bank ist noch für etwas anderes gut: „Im Gehirn gibt es sogenannte Spiegelneuronen. Das sind Nervenzellen, die uns dazu anregen, die Bewegungen unseres Gegenübers nachzuahmen“, erklärt Veiz. Das geht natürlich auf der Bank stehend viel besser als beim Schunkeln im Sitzen.“

Die besten Flirt- und Anmachsprüche

Fit für die Wiesn: Die besten Flirt- und Anmachsprüche für das 177. Oktoberfest im Jahr 2010 © 
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Kleidung

Das Dirndl ist ein „Fruchtbarkeitssymbol“

Die einheitliche Kleidung in Dirndl und Lederhosen verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt Prof. Oliver Behrend vom Münchner Zentrum für Neurowissenschaften. Ein Dirndl setzt Taille und Hüfte in ein optimales Verhältnis, das zieht die Männer an, ebenso die tiefen Einblicke in die Rüschenbluse. „Die Tracht hat auf der Wiesn viel mit Selbstdarstellung zu tun“, sagt Psychologin Brigitte Veiz.

Das Mir-san-mir-Gefühl werde voll ausgelebt, der Stolz auf Kultur und Tradition gezeigt. Auch durch die Kleidung ist die Wiesn eine sehr romantische Angelegenheit: „Die Lederhose des Mannes erinnert an Jagd, Urtrieb, urwüchsige Natur. Das Dirndl steht für Fruchtbarkeit.“ Die Wiesn ist für Veiz ein einziges Fruchtbarkeitsritual – überall werde geflirtet und gegrapscht. „Buden wie Hau den Lukas sind phallische Symbole“, erklärt Veiz. Der Mann kann hier zeigen, dass er es trotz drei Mass Bier noch drauf hat, dass er voller Testos­teron steckt. Die Frau schließt unterbewusst auf gute Gene beim Angebeteten. „Hier lässt sich das Handicap-Prinzip bei Tieren auf uns übertragen“, so Veiz. „Für den männlichen Pfau sind die Prachtfedern eigentlich ein Hindernis im Kampf ums Fressen und Gefressen werden. Er zeigt dadurch aber: Ich bin stark genug, um mir den Schmuck zu leisten.“ Analog dazu das Handicap des Wiesn-Mannes: Bier. Er zeigt: „Ich habe zwar schon Unmengen getrunken, bin aber trotzdem noch potent und stark.“

So sexy ist die Wiesn

Strecje

Nervenkitzel

In der Achterbahn kommen Urinstinkte auf

Geisterbahn und Achterbahn simulieren lebensbedrohliche Situationen. Was daran schön ist? Alte Fluchtmechanismen schlummern immer noch in uns und warten darauf, ausgelöst zu werden. „Ähnlich wie beim Tier, das vor dem Feind flüchtet, muss der Mensch in Angstsituationen alle Energie auf den Fluchtmechanismus lenken und Organe und Muskeln versorgen“, erklärt Neurologe Martin Kühn. „Damit das funktioniert, wird das Kontrollsystem im Gehirn kurzfristig ausgeschaltet.“

Die Mischung aus Angst und Freude erzeuge einen unheimlichen Adrenalinstoß, ergänzt Psychologin Brigitte Veiz. Man setzt sich der Gefahr aus, der Blutdruck steigt, das Herz rast. Durchs Gehirn schießen Fragen: Hält die Kette? Geht der Bügel wirklich nicht auf? Das besonders Angenehme dabei ist aber das wohlige Gefühl hinterher, wenn man das vorgetäuschte Abenteuer unbeschadet überstanden hat. Denn dabei werden die auch als „Glückshormone“ bekannten Endorphine ausgeschüttet.

Ein weiterer Grund für die Faszination: Es gibt Theorien, die besagen, dass sich der Mensch nach wellenförmigen, rhythmischen Bewegungen wie etwa bei einer Achterbahnfahrt sehnt. Diese ähneln dem Herzschlag der Mutter oder erinnern an das tröstliche Gefühl des Wiegens. Und warum kreischen Frauen öfter als Männer? „Bei Frauen ist es im Alltag nicht gerne gesehen, wenn sie laut werden. Das lassen sie hier raus. Zudem sucht Frau so unterbewusst Schutz beim Mann“, sagt Psychologe Ralph Schicha. Brigitte Veiz: „Männer haben genauso viel Angst, zeigen sie aber nicht.“

Sinnesrausch

Einmal Schlemmen ohne Verstand

Licht, Musik, Gerüche: Die Reizüberflutung der Sinne in denSchaustellerstraßen erlebt der Besucher deshalb als angenehm, weil er sich dann nicht mehr auf einen Gedanken konzentrieren kann und in einen rauschähnlichen Zustand gerät. „Zwar verarbeiten wir Sinneseindrücke in unterschiedlichen Hirn­arealen – diese führen aber alle zum limbischen System, dem emotionalen Teil des Gehirns“, erklärt Neurologe Martin Kühn. Diese Überbeanspruchung in Zusammenhang mit der Ausschüttung von Botenstoffen dort erschwere es, in anderen Kontrollarealen analytisch über Probleme nachzudenken.

Mandeln, Schweinswürstl, Zuckerwatte: Warum essen wir auf der Wiesn so viel durchei­nander? Ernährungsexperte Prof. Volker Schusdziarra führt das auf die überwältigen Sinneseindrücke zurück.

„Überall duftet es verführerisch – die Sensorik beeinflusst den Appetit massiv.“ Außerdem seien Speisen wie Mandeln owder Schokofrüchte typisch für einen Wiesn-Besuch – bei vielen Gästen seien früheste Kindheitserinnerungen damit verknüpft. „Auf der Wiesn kulinarisch über die Stränge zu schlagen, gehört dazu. Aber auf die Kalorienbilanz eines Wiesn-Tages kommt es auch nicht an“, sagt Prof. Schusdziarra. Er rät seinen Patienten: „An Wiesn- und Feiertagen dürfen Sie ruhig zulangen. Entscheidend ist, was man an den verbleibenden 350 Tagen isst.“

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